22. Jan 2021

Unser Jahr 2020 im Rückblick

von Fidel Bartholdy

Ein verrücktes, eine volles, ein schwieriges Jahr liegt hinter uns. Damit stehen wir nicht allein, denn die Pandemie ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, der wir alle auch nur gemeinsam und solidarisch begegnen können. Aber das bedeutete für uns als Verein, der politische Bildung mit digitalen Medien macht, dass unser Arbeitsfeld gefragter war denn je. Die Krise, der wir ausgesetzt sind, forderte eine Umdenken auf vielen Ebenen: im Planen, im Kommunizieren, im Zusammenarbeiten und vor allem in der Vermittlungsarbeit, dem Kern der pädagogischen Tätigkeit. Und damit in doppelter Hinsicht: inhaltlich und methodisch.

Dabei kam uns zugute, dass wir schon seit Jahren unsere Arbeitsumgebung digital aufstellen; dass wir stets über hybride Didaktiken nachdenken; dass wir auf Bewegtbild und Social-Media-Formate gesetzt haben und Fernlernen, Remote-Konferenzen und kollaborative Onlinetools zu unserem Alltag gehören. Dennoch haben sich in allen Projekten neue Herausforderungen gestellt. Wir wollen euch hier einen Überblick darüber geben, was wir erreicht, was wir verpasst und was wir gelernt haben.

Nicht nur ein schönes Foto (siehe oben), sondern ein Learning für das gesamte Team haben wir von unserer corona-konformen Teamklausur im August mitgenommen: präsentiert und aufgearbeitet von unserer großartigen Kollegin Kaddi haben gemeinsam entdeckt, wie erfolgreiches Wissensmanagement zahlreiche Prozesse in Bildungsarbeit und Vereinsorganisation verbessern kann.

Livestreaming: Wir haben im Team auch interne Weiter- und Fortbildungen in bestimmten Arbeitsfeldern verstärkt. Alles rund ums Livestreaming ist seit diesem Jahr schwer gefragt und so haben wir in unseren Räumlichkeiten mit dem Aufbau eines Studios für Livestreamings begonnen. Das gesamte Team ist mittlerweile in der Lage, diese Produktionen zu unterstützen und wir haben 2020 so manche Konferenzen und Fachtage ins Digitale überführt. Wieviel Aufwand diese Arbeit in Vor- und Nachbereitung tatsächlich kostet, ist für die Teilnehmenden und das weitere Publikum oft nicht einsehbar…

AntiAnti – Prävention von (Online)-Radikalisierung mit den Schwerpunkten Rechtsextremismus, Antisemitismus und Islamismus: 2020 war ein Jahr, in dem Verschwörungsmythen bestens gedeihen konnten und welches eine Plattform für gefährliche Akteur*innen bot. Antisemitismus, Verschwörungsmythen und Rechtsextremismus sind, wie besonders die Querdenken-Bewegung zeigte, untereinander leider sehr anschlussfähig. So ist politische Bildung, die sich an Jugendliche und junge Erwachsene richtet, umso wichtiger geworden. Politische Bildung im Verbund mit Medienpädagogik bildet aus unserer Sicht das zentrale Handlungsfeld, um einerseits menschenverachtenden Ideologien und Radikalisierungsangeboten zu begegnen und andererseits emanzipative und kreative Perspektiven auf die Zukunft zu stärken. Um auch unter pandemischen Bedingungen gerade diese Bildungsarbeit machen zu können, haben wir unsere sonst in Präsenz stattfindenden Workshops in Online-Formate überführt. Es gab zwar deutlich weniger Anfragen als in den Vorjahren, doch alle stattgefundenen Workshops waren spannend und erfolgreich! 

Anlassbezogen haben wir im Juni eine Handreichung zum Thema “Verschwörungsmythen, (Online-) Radikalisierung und die Coronavirus-Pandemie” veröffentlicht, gefolgt von Bildungsmaterialien als OER auf der Website im Dezember. Es war ein ungewöhnliches und herausforderndes Jahr für das AntiAnti-Team, doch unsere Ziele konnten wir über Umwege weiterhin verfolgen. 

kiez:story – ich sehe was, was du nicht siehst: Auch in 2020 haben wir wieder neue Projekte gestartet. Eines war unser Kooperationsprojekt mit ufuq e.V. An drei Berliner Schulen wurden kiez:story-AGs mit Jugendlichen gestartet, die sich im Rahmen des Möglichen mit ihren Kiezen, ihren Geschichten und Perspektiven darauf auseinander gesetzt haben. Corona war auf jeden Fall eine Hürde für den geregelten Ablauf. Trotzdem arbeiten wir in einem tollen Team, sind mit einer super Schulung in das Projekt gestartet und haben auch schon tolle Exkursionen durchgeführt. Außerdem: Wo ein Wille ist auch ein Weg mit engagierten Schüler*innen und einem tollen Team lässt sich trotz der Widrigkeiten und sich ständig ändernder Coronabedingungen Vieles machen: Neben der Exkursionen haben wir auch Videoproduktionen und kleinere Fotografieprojekte gestartet – und nutzen die Zeit zur Vorbereitung von Übungen und der Ausstellung.

OER-Werkstatt: Die Schulen stehen unter den pandemischen Bedingungen von Lockdown und schulisch angeleitetem Lernen Zuhause (SaLZ) sehr im Fokus und oft in der Kritik. Dennoch wurde auch hier erfolgreich an Konzepten fürs Fernlernen gearbeitet. Gemeinsam mit dem Fachbereich Politische Bildung und Gesellschaftswissenschaften der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie haben wir ab Oktober 2020 an sechs Schulen mit den Lehrkräften produktorientierte Workshops durchgeführt, die zum Ziel hatten, freie und digitale Lernmaterialien als Open Educational Resources (OER) zu erstellen. Diese werden online zur Verfügung gestellt und können für die Unterrichtsplanung von allen Lehrkräften weiter genutzt und angepasst werden. Ausgehend von den Unterrichtskonzepten in HedgeDocs (einfachen, schmalen Webseiten) wurden unter anderem Erklärvideos, Onlineralleys, Audiomaterialien und auch eine interaktive Lernumgebung zu Covid-19 erstellt. Dass diese im Jahresend-Lockdown schon zum Einsatz kommen, hatten wir nicht gehofft. Allerdings wünschen wir uns sehr, dass die Materialien auch nach den Schulschließungen in zeitgemäßen digitalen Unterrichtskonzepten ihre Verwendung finden.

Canvas City: Für ein Projekt, welches mit vielen Spieler*innen, Tablets und Augmented Reality im städtischen Raum gespielt wird und das Thema Digitalisierung behandelt, hätte 2020 auf den ersten Blick eigentlich ein großartiges Jahr sein können. Auf den zweiten Blick ist es dann doch komplizierter inmitten einer Pandemie. Denn durch unsichere und schwer umsetzbare Planungen mit den Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen sowie ausgefallenen Konferenzen und Fachtagen haben wir vieles nicht so umsetzen können, wie wir es eigentlich geplant hatten. Für die erfolgreiche Fertigstellung des Spiels fehlen uns die Playtests mit großen Gruppen und deren Feedback zu Geschichte und Spielmechanik. 

Lichtblicke gab es natürlich trotzdem, denn einige dieser Veranstaltungen fanden digital statt. Hier bekamen wir viel positives Feedback und die Teilnehmer*innen zeigten großes Interesse an der Teilnahme an Canvas City. 

Und wie sagt mensch umgangssprachlich so schön: aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Und genau hier setzen wir 2021 an: Wir wollen mit euch spielen und in spannenden Workshops das Thema Digitalisierung diskutieren sowie Wissen vermitteln. Zudem werden wir das Spiel als open educational ressources (OER) allen Interessierten zur Verfügung stellen. Es geht also voran und bleibt spannend!

Jugend hackt: Wir starteten mit zwei ganz neuen Präsenz-Events ins Jahr: Jugend hackt in Jülich und Jugend hackt in München. Dann kam der erste Lockdown, weitere Veranstaltungen erschienen erst einmal nicht möglich. Doch dann diskutierten jugendliche Teilnehmer*innen darüber, ob man nicht einen Remote-Hackathon durchführen könnte. Und genau das passierte bereits 4 Tage nach der Idee: ein gemeinsames Orgateam aus Jugendlichen und Berliner Hauptamtlichen plante und führte das erste Remote Event im März durch. Wir konnten sehr viel Wissen aus diesem Event mitnehmen, was den weiteren, ausschließlich online stattfindenden Städteevents zugute kam: Halle, Hamburg, Heidelberg und Köln. In Linz gab es im Vorfeld der ARS Electronica zudem einen Hackathon mit Jugendlichen aus Österreich, Ungarn, Deutschland, den Niederlanden und Indien. Leider mussten einige Events auch komplett ausfallen. 

Rückblickend lässt sagen, dass die Remote-Events sehr gut funktionierten, wir haben zudem sehr viel gelernt. So müssen die Events kleiner sein, es braucht mehr Mentor*innen, die Hürden für Einsteiger*innen sind vergleichsweise hoch und Making-Projekte (Hardware) sind schwer umsetzbar. Weiterhin braucht es mehr und längere Pausen und für eine gute Zusammenarbeit neue Tools, um gemeinsam zu coden, zu planen und zu kommunizieren.

Seit 2019 gibt es inzwischen die Jugend hackt Labs, 2020 sind mit den Standorten Cottbus, Heilbronn und Heidelberg drei weitere hinzugekommen. Auch hier fand eine Umstellung der Angebote auf Online-Workshops statt. Waren die Labs eigentlich als ortsgebundene und verstetigte Angebote für ortsansässige Jugendlichen angedacht, erlebten wir stattdessen erfreulicherweise Online-Workshops mit Teilnehmer*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Herausfordernd war es natürlich auch, klare Workshop-Planungen waren unmöglich durch sich permanent ändernde Regeln.

Um positiv zu enden: Wir haben ein neues Format entwickelt und etablieren können: die Community-Talks. Bei inzwischen 14 Veranstaltungen diskutierten Jugendliche, Mentor*innen, Hauptamtliche und Gäste zu unterschiedlichsten Themen rund ums Coden, Gesellschaft, Politik, Gender und auch Corona.

re:mix – Jugend singt und mischt sich ein: In der zweiten Jahreshälfte haben wir dann auch so richtig losgelegt mit einem neuen großen Projekt. Re:mix – Jugend singt und mischt sich ein, ist ein Kooperationsprojekt von mediale pfade und der deutschen Chorjugend, gefördert als Modellprojekt im Bundesprogramm “Zusammenhalt durch Teilhabe” der Bundeszentrale für politische Bildung. Projektziel ist es, demokratische Prozesse und Teilhabe auf allen Verbandsebenen der Chorjugend zu stärken, unterstützt durch digitale Methoden. Es geht zum einen darum, Chorleitende und Chormanagende dabei zu unterstützen, Beteiligung in ihren Chören zu stärken. Zum anderen ist das Ziel, die Teilhabemöglichkeiten innerhalb der föderalen Verbandsstrukturen zu verbessern.

Gelernt haben wir schon in den ersten Monaten eine Menge. Klar – Chor ist politisch. Chöre sind wichtiger Bestandteil kultureller Bildung und können in ihren Gemeinden starke Partner für Demokratie und Gemeinschaft sein. 

Soweit, so Chor. Die größte Herausforderung für die Chorjugend im Jahr 2020 war, dass Chöre ihrer Kernaktivität nicht mehr nachgehen konnten – das gemeinsame Singen ist durch Corona erstmal auf Eis gelegt. Als Interessensvertretung von singenden Kindern und Jugendlichen musste die Chorjugend nun sehr schnell Lösungen für die verschiedensten Problematiken finden. Verbandsprozesse wie Mitgliederversammlungen, AGs oder Veranstaltungen mussten ins Digitale verlegt werden. Chöre, die nicht proben können, werden unterstützt und vernetzt, um ihr Chorleben weiter am Laufen zu halten. Bei voller Power und der außergewöhnlichen Kreativität der Akteur*innen der Chorjugend, die wir als mediale pfade begleiten und unterstützen durften, fehlte manchmal die Zeit, um innezuhalten und die Prozesse zu reflektieren. Denn die zentralen Fragen sind: Wer ist an Entscheidungen beteiligt? Wer hat Zugang und wer nicht zu digitalen Räumen, digitalen Beteiligungsprozessen? Wie können digitale Methoden dabei unterstützen, dass Kinder und Jugendliche ihren Verband, die Chorjugend, gestalten?

Im Projekt werden wir diese und weitere Fragen nicht nur beantworten, sondern gemeinsam innovative digitale Instrumente entwickeln, um Teilhabe und innerverbandliche Demokratie zu stärken.

Netzwerk Bewegtbildung: Das Netzwerk Bewegtbildung erlebte im Juli 2020 ein (vorläufiges) grandioses Finale. Das interdisziplinäre Netzwerk zum Thema gelingende politische Bildung mit Webvideo veröffentlichte das Ergebnis der fünfjährigen Zusammenarbeit verschiedenster Akteur*innen aus politischer Bildung, Medienpädagogik, Wissenschaft und Webvidepraxis als Toolbox auf bewegtbildung.net

Darin zu finden sind die Kriterien für gelingende Bewegtbildung mit Checklisten für Praktiker*innen, die Webvideoreihe “Praxischeck Bewegtbildung”, Videos der beiden Fachtagungen, die Publikation “Bewegtbildung denken” sowie weitere Blogbeiträge rund ums Thema. 

Gelernt haben wir eine Menge! Die Bedeutung von Webvideo in der politischen Bildung ist enorm, YouTube und Bildung gehören zur selben Seite der Medaille und ja, es ist möglich, interessante Videoproduktionen auch remote über Zoom zu realisieren. 

Sehr gefreut haben wir uns natürlich auch über die Nominierung von www.bewegtbildung.net für den Dieter Baacke Preis 2020 in der Kategorie “besondere Netzwerke”. Dass das Netzwerk bewegtbildung.net ein besonderes ist, steht außer Frage, und auch wenn in 2020 ein bedeutender Prozess zunächst einmal zu Ende ging, überlegen wir gerade, in welcher Form es in 2021 weitergehen kann. Stay tuned!

Makespace (Grund)Schule – Kind- & jugendgerechtes Lernen in der digitalen Werkstatt: In einem Modellprojekt in Kooperation mit Save the Children haben wir einen schulischen MakeSpace in einer Berliner Grundschule aufgebaut. Dabei wurde nicht nur eine Medien- und eine Makingwerkstatt eingerichtet, sondern in den Räumlichkeiten innovative Lernprozessen mit Schüler*innengruppen erprobt. Die Einbindung der Lehrkräfte über Fortbildungen war ein anderer wichtiger Baustein des Projekts: so konnten Kompetenzen nachhaltig in den Lernort verankert werden. 

Unsere Learnings: Auch Schuldirektorinnen haben Spaß an Aufnahmen in der Tonkabine! Audioprojekte, Musik und Rap schaffen tolle Zugänge zu Inhalten!

Es gab jedoch auch Herausforderungen. So verhinderten coronabedingte Schulschließungen die Durchführung und Erprobung aller Unterrichtseinheiten, direkt nachdem die Räume eingerichtet waren. Dieselbe Situation erforderte die Umstellung der Fortbildungsangebote auf digitale Formate, damit die Prozesse des schulisch angeleiteten Lernens auch zu Hause begleitet werden können. Wie oben erwähnt, begleitete uns die Umstellung auf digitale Formate über das gesamte Jahr. Diese Herausforderung konnten wir deshalb erfolgreich meistern!

Goethe Institute – Digitalisierung der weltweiten Angebote: In 2020 entwickelte sich eine enge Kooperation mit dem Goethe-Institut im Rahmen der Digitalisierung ihres weltweiten Angebots. In verschiedenen Projekten begleiteten, berieten und unterstützten wir Mitarbeiter*innen des GI. Folgende Projekte wurden erfolgreich von mediale pfade umgesetzt: 

  • Einer sechsteilige Fortbildungsreihe zu “Kultur in digitalen Räumen” mit Programmleiter*innen und -mitarbeitende der verschiedenen regionalen Kulturabteilungen, in der es um ging es um Möglichkeiten und Perspektiven auf Kulturvermittlung im digitalen Raum ging 
  • Eine digitale Redaktionskonferenz mit jungen Online-Redakteur*innen aus 18 Schulen in Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegovina aus dem Goethe-Projekt Pasch (Schulen: Partner der Zukunft) zum Thema Fake News und Verschwörungsmythen wurde inklusive kollaborativer Videoproduktionen
  • Begleitung diverser Livestreams von Events und technische Moderation diverser digitaler Veranstaltungen, unter anderem: About the Future in Times of Crises (https://www.goethe.de/prj/one/de/pro/atf.html), Europe´s Kitchen (https://www.goethe.de/en/kul/erp/euk.html?wt_sc=europeskitchen)
  • Moderation eines Regionaltreffens der Goethe-Institute und -zentren im südlichen Afrika

Das war unser 2020. Und jetzt lasst uns gemeinsam ins neue Jahr 2021 starten – gesund und mit viel guter Bildung!

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