6. Apr 2021

Das Wir im digitalen Raum

von Katrin Huenemoerder
Portraitfotos auf einer Platine

Interessante Erfahrungen kommen oft unerwartet. Seit mehr als einem Jahr verbringe ich, wie viele Menschen, nicht nur meine Nächte, sondern auch meine Tage physisch in meinem Schlafzimmer und digital in Videokonferenzen. Ein bißchen Abwechslung bieten mir verschiedene Tools – viel Zoom, ein bißchen Jitsi, immer mehr BigBlueButton, manchmal Teams, mal Slack, seltener Instagram oder WhatsApp calls. Gemeinsam ist den Tools, dass sich eine Videokachel mit meinem Bild aufmacht und daneben weitere Videokacheln mit den Bildern anderer Gesprächsteilnehmender. Unsere Arbeits- und Gesprächsweise haben wir im letzten Jahr an die Logik und Optik dieser Plattformen angepasst.

Seit einiger Zeit bin ich auch in anderen digitalen Räumen unterwegs. Einer dieser Räume heißt spatial.chat und bemüht sich, Workshop- oder Konferenzerfahrungen anzubieten, die sich so nah wie möglich an Präsenzformaten orientieren. Ähnlich funktionierende Plattformen sind gather.town, wonder.me oder workadventu.re – digitale Räume, in denen die Teilnehmenden ihre Begegnungen eigenverantwortlicher gestalten können und ihre digitalen Erfahrungen selbstständiger steuern können.

Ein Workshop auf spatial.chat, welcher von einem internationalen Team der Organisation Play for Peace durchgeführt wurde, behandelte das Thema “diversity and inclusion in digital spaces” und lehnte sich methodisch an die Spiel- und Erlebnispädagogik an. 

Seitdem mache ich mir Gedanken darüber, in welcher Form wir uns digitale Räume angeeignet haben, wie wir uns in ihnen verändert haben, in unserer Arbeitsweise, aber auch in der Art und Weise, wie wir in ihnen interagieren. Einige davon möchte ich hier teilen. 

We nailed zoom… 

Über das Jahr haben wir gelernt, uns stumm zu schalten, Fragen in den Chat zu schreiben und auch dieses überraschte und etwas wehmütige Gefühl zu handhaben, wenn man wieder aus dem Breakoutraum zurückgeholt wird. Obwohl wir es doch wissen, obwohl wir es doch sehen. Es tut trotzdem weh. Denn für Austausch in Kleingruppen, also der, in dem man echte Worte sagen darf und nicht nur thumbs up Emoji-Reaktionen auf Fragen im Hauptraum, ist auch in den besten Zoom-Konferenzen immer nur ein paar Minuten Zeit. 

“Schaltet euch alle bitte stumm, dann haben wir alle eine bessere Erfahrung” ist wohl der am meisten gehörte Satz des Jahres. Brav werden wir darauf konditioniert, dass Hintergrundgeräusche aus den heimischen Wohnzimmern eben in Meetings oder Konferenzen nichts zu suchen haben. Zurecht, denn je nach Mikrofoneinstellungen und Teilnehmendenzahl kann es schnell ein auditives Chaos geben. Aber es scheint auch dazu zu führen, dass wir mit den normalen Geräuschen des Lebens irgendwie nicht mehr klar kommen. Aus der einen Kachel tönen die klaren Ansagen der Sprecherin im Lautsprecher, aus den anderen dröhnt atemberaubende Stille.

Im Gegensatz dazu führte die Aufforderung der Workshopleitenden in Spatial.chat, dass alle ihre Megafone einschalten und etwas sagen, zu entsprechendem Chaos und dem unbedingten Wunsch, das Mikrofon sofort wieder auszuschalten. Die parallelen Geräusche waren einfach nicht auszuhalten. 

Selbstwirksamkeit im digitalen Raum

Als Teilnehmerin kann ich mich bequem zurücklehnen, denn viel mehr als gegebenenfalls den Breakouträumen aktiv beizutreten oder – bei entsprechend vorhandener Digitalexpertise – die Ansicht von Sprecher*innen und Plenum für mich angenehm zu gestalten, muss ich eben nichts tun. Hier haben die Videokonferenzsysteme allerdings deutlich dazu gelernt. Wo wir vor einigen Monaten noch fast vollständig den Meetinghosts ausgeliefert war, was die eigene Bewegungsfreiheit in der digitalen Videokonferenz angeht, wird die Selbstwirksamkeit mit jedem Zoom-Update nun deutlich gestärkt. Eigenständiges Wandern durch die Breakouträume, das autonome Pinnen von Videos sowie die eigenständige Anordnung von Videokacheln erzeugt einen Eindruck von zurückgewonnener Autonomie im digitalen Raum. Das ist viel wert. Wem das aber alles zuviel ist, kann weiterhin darauf hoffen, dass gleich zu Beginn die “alle stummschalten” Taste bedient wird und in größeren Meetings nicht mal erwartet wird, dass man die Kamera anmacht. Denn wir wissen mittlerweile, was Zoom Fatigue bedeutet und dass die ständige Selbstansicht in Videocalls Menschen selbstkritischer macht. 

Wir haben gelernt, noch mehr Dinge gleichzeitig zu tun. Während Präsenzmeetings kann man nicht nebenbei Mails schreiben, egal wie relevant oder irrelevant das Treffen für die eigene Arbeit ist. Die neue digitale Meetingkultur erlaubt uns eben, die Kamera auszuschalten, mit einem Ohr zuzuhören, ob nicht doch was Wichtiges für uns dabei ist; Oder zumindest, um auf dem Laufenden zu sein, was bei den anderen so los ist. Nebenbei können wir das erledigen, was gerade für uns wichtig ist: Arbeiten, Kinderfragen beantworten, Essen machen, Yoga. 

In digitalen Räumen wie spatial.chat, die ständig Aktion und Interaktion von uns erfordern, funktioniert das “nebenbei andere Sachen machen” nicht. Im Laufe der Session wurden immer wieder diejenigen entlarvt, die aus nachvollziehbaren Gründen nicht der Anleitung zur digitalen Bewegung folgen konnten oder wollten, weil parallel anderweitig ihre Aufmerksamkeit gefordert war.

Das Ich im digitalen Raum

Es darf, es muss erlaubt sein, sich rauszuziehen, Energien zu verwalten. In Abendveranstaltungen, besonders wenn man mit Kindern zu Hause ist, ist es vielleicht gerade die Errungenschaft digitaler Kommunikation und Interaktion, Dinge gleichzeitig zu tun und sich eben nicht entscheiden zu müssen. Barrieren abbauen also für all diejenigen, die sich im Zweifel sonst gegen die Partizipation an Bildungsangeboten und für Sorgearbeit oder andere Dinge entscheiden mussten. 

Zeitsouverän – so arbeiten und lernen wir heute in digitalen Räumen. Dazu gehört, dass wir uns alle noch einmal bewusst werden, in welch unterschiedlichen Situationen sich jede*r von uns befindet. Einige sitzen alleine in eigenen Räumen, andere teilen sich ihr Zimmer und die Bandbreite zu Hause mit weiteren Personen, wieder andere passen auf kleine Kinder auf. 

Zeitsouverän – das bedeutet eben auch, dass es bei einigen morgens ist, bei anderen Mittagspause und bei weiteren abends – unterschiedliche Energielevel also, unterschiedliche Aufmerksamkeitsspannen. Das Übertragen von Energien (oder auch das Entziehen) durch Gruppen im Präsenten fällt zu großen Teilen weg. Stimmungen werden nur sichtbar, wenn sie explizit sichtbar gemacht werden. Das Alleinsein im Physischen während des Zusammenseins im Digitalen führt dazu, dass die individuelle Situation viel größeren Einfluss auf das Sein im Digitalen hat. 

Der gute Ton im digitalen Raum

Wir wissen natürlich, dass Open Source Software allein aus Datenschutzgründen besser ist als die Videokonferenzsoftware privater US-amerikanischer Anbieter. Vermutlich sehnen sich trotzdem heimlich alle nach Zoom, wenn zum zehnten Mal der Zugriff auf das richtige Mikrofon und die Kamera erlaubt werden muss, oder weil man wieder aus der BigBlueButton-Konferenz geflogen ist. Oder als eine bereits fortgeschrittene Teilnehmerin einer Jitsi-Konferenz ein schwarzes Tape vor ihre Kamera klebt und sich in “….. reconnecting” umbenennt, weil das blecherne Krächzen, was sich Ton nennt, leider die Inhalte so sehr dominiert, dass letztere einfach nicht durchdringen.

Es besteht wenig Zweifel daran, dass die technische Qualität virtueller Veranstaltungen einen Einfluss auf unsere Haltung bezüglich der verhandelten Inhalte hat. Wer dem Gespräch aufgrund des schlechten Tons nur unzureichend folgen kann, wird wenig Lust verspüren, eine vielleicht gute Idee weiterzudenken und kollaborativ zu entwickeln. Der gute Ton ist also die Voraussetzung für ein gutes Gespräch – und das sowohl hinsichtlich der technischen Qualität als auch für den Umgang miteinander. Die Investition in qualitativ hochwertige Open Source Software, welche der Gemeinschaft dann zur Verfügung steht, sollte also ein ureigenes Interesse unserer Demokratie sein. 

Die Chancen im digitalen Raum

Digitale Infrastruktur muss einerseits Rahmenbedingungen für inhaltliche Diskurse bieten, als Ort für Austausch und Verhandlungen. Ihre Attribute wie Zeit- und Ortsunabhängigkeit bieten auch die Möglichkeit für Begegnungen, die im Physischen vielleicht nicht stattgefunden hätten. Digitale Räume haben also auch direkten Einfluss auf Inhalte. Zugang zum Diskurs haben diejenigen, die Zugang zum digitalen Raum haben. Das kann ganz abgekoppelt sein von tradierten Machtverhältnissen, die in physischen Räumen sicherlich schwerer zu durchbrechen sind. 

Hierin liegt eine große Chance. Wenn wir uns in digitalen Räumen auf Augenhöhe begegnen, unabhängig von sozialer Herkunft, Alter, Geschlecht oder für uns definierten Rollen, dann setzen sich eventuell gute Ideen für unsere Gesellschaft durch. Anstelle von Ideen derjenigen, die aufgrund ihrer Privilegien für sich das Recht in Anspruch nehmen, für andere zu entscheiden und wenig Interesse an der Veränderung von Machtverhältnissen haben.

Um diese neuen Diskurse führen zu können, braucht es neben der digitalen Infrastruktur und der Förderung neuer kreativer und digitaler Tools vor allem eins – politische Bildung und Medienkompetenz. Zu diesem Ergebnis kommt dankenswerterweise auch der 16. Kinder – und Jugendbericht der Bundesregierung, in meiner Erfahrung ist dies aber auch für Erwachsene bedeutsam. Um selbstbestimmt und verantwortungsvoll mitzugestalten, ist es wichtig, dass wir sicher in den Räumen agieren können, die wir mitgestalten sollen – online wie offline. Wir müssen echte demokratische Erfahrungen machen dürfen, in denen jede Stimme und jede Meinung wirklich einfließen kann und in denen wir am Ende gemeinsam einen demokratischen Kompromiss erzielen. Wir müssen in die Lage versetzt werden, in für uns relevanten Diskurse einzusteigen, ohne dass das Ergebnis bereits feststeht. Das bedarf des Wissens um unsere Gestaltungsspielräume in Form unserer politischen Rechte sowie der Kompetenzen, in öffentlichen und halböffentlichen Diskursräumen sicher zu navigieren. Da diese Räume nicht erst seit der Pandemie größtenteils digital sind, ist es also gesamtgesellschaftliche Aufgabe, folgendes herzustellen: Das Wir im Digitalen Raum!

Kulturelle Bildung Medienbildung