Wir schließen cis-Jungs aus!
von Alev Coban
In unserem Projekt ‚Jugend hackt 2 Go‘ schaffen wir Schutzräume für Mädchen, inter*-, nicht-binäre, trans*- und agender Personen (MINTA*) im Bereich Coding und Making – und das aus gutem Grund. Frauen, inter*- und genderqueere Menschen sind in Technik und Handwerk stark unterrepräsentiert und stoßen auf viele Hürden wenn sie ihren MINT-Interessen nachgehen möchten. Geschützte Räume der Medien- und Technikbildung bieten MINTA* die Möglichkeit, ohne Bewertungen oder Dominanzverhalten von anderen zu lernen. Warum diese Orte Raum für Reflexion über Machtverhältnisse geben, entspannend und letztendlich empowernd auf MINTA* wirken, erklären wir in fünf Punkten.
Bei ‚Jugend hackt 2 Go‘ schließen wir cis-Jungs aus und halten dies für notwendig. Das löst Reaktionen des Unbehagens und Unverständnisses aus: „Wieso exkludiert ihr Menschen, die auch Lust auf Making, Coding und Gaming haben?!“, „Bei uns sind doch alle gleich!“. Warum wir es für wichtig halten, dass es MINTA*-Räume für Technik- und Medienbildung gibt, erklären wir im Folgenden in fünf Argumenten und räumen am Ende ein gesellschaftskritisches Aber ein.
1. Frauen sind stark unterrepräsentiert in MINT-Sektoren
Gleich zu Beginn ein paar Zahlen, um zielgruppenspezifische Bildungsangebote quantitativ zu rechtfertigen: Trotz eklatantem Fachkräftemangels sind Frauen in handwerklichen und technischen Berufen in Deutschland stark unterrepräsentiert. So liegt der Frauenanteil unter den Auszubildenden im Handwerk bei nur 14,1 % (Zentralverband des deutschen Handwerks 2023) und der Anteil von Bachelor-Absolventinnen in MINT-Fächern bei 22 % und somit deutlich unter dem EU-Schnitt von 32% (McKinsey 2023; Statistisches Bundesamt (Destatis) 2022).* Wenn MINTA* frühzeitig mit Technik und Naturwissenschaft in Berührung kommen und in diesen Bereichen Selbstwirksamkeitserfahrungen erlangen, schafft das einen Gewinn an Selbstvertrauen im Umgang mit Technik, aber auch im Bekennen zu eigenen MINT-Interessen (siehe Punkt 2).
*Leider wird in den meisten Studien zur Ausbildungs- und Berufswahl nur der Anteil von Frauen und Männern erhoben und nicht von inter*- oder genderqueeren Personen, daher hier der Fokus auf Frauen.
2. MINTA* werden nicht ausreichend in ihren MINT-Interessen unterstützt
Die Gründe für ein Fehlen an Frauen in technischen und handwerklichen Berufen sind vielfältig, begründen sich jedoch in patriarchaler Sozialisierung: Mädchen werden geringe naturwissenschaftliche und technische Fähigkeiten und Interessen zugesprochen, es gibt kaum FLINTA* (Frauen, Lesben, inter*-, nicht-binäre, trans*- und agender Personen)-Vorbilder im MINT-Bereich, Eltern, Lehrkräfte und Peer-Groups sind oft wenig unterstützend und es gibt für Frauen strukturelle Barrieren in MINT-Ausbildungen und Berufen – zum Beispiel werden Frauen nach einer technischen Ausbildung seltener vom Ausbildungsbetrieb übernommen als Männer (Solga und Pfahl 2009: 2f; Quaiser-Pohl und Endepohls-Ulpe 2010).
MINTA* scheinen also vor der Wahl zu stehen: Entweder sie erfüllen gesellschaftliche Weiblichkeitsanforderungen und gehen eher nicht-technischen Interessen nach oder sie verfolgen ihre Lust an MINT und nehmen die Abweichung von einem normierten Mädchen-Bild und die schlechteren Arbeitsmarktbedingungen in Kauf (Koch und Winker 2003: 33). Medien- und Technikbildung für MINTA* füllt die Lücke der fehlenden Förderung von MINT-Interessen und bildet bestärkende Gemeinschaften.
3. MINTA*-Räume geben Pause von Bewertungen
Jegliche Geschlechtsanforderungen setzen unter Druck – seien es Weiblichkeits-, Trans*-, Inter*-, Nicht-Binaritäts- oder Männlichkeitsanforderungen (siehe Podcast von Dissens e.V.). Menschen, die als Mädchen sozialisiert werden, müssen/dürfen heutzutage nicht mehr nur Weiblichkeitsanforderungen entsprechen, sondern auch männlichen Anforderungen wie „allzeit souverän, autonom und kompetent zu sein“ (Debus 2012: 116). Gesellschaftlich wird Mädchen mittlerweile versprochen, sie könnten alles erreichen. In neoliberaler Manier werden daher strukturelle Ungleichheiten verschleiert, sodass ein Scheitern von Vorhaben immer nur als ein persönliches, individuelles Scheitern interpretiert werden kann (ebd.: 122).
Genau deswegen ist es wichtig, Orte zu schaffen an denen Menschen frei von diesen Anforderungen und Bewertungen sein können. Technikworkshops für MINTA* erlauben den Teilnehmenden sich gezielt mit Technik auseinanderzusetzen, ohne dass Unsicherheiten und vermeintliches Scheitern bewertet wird. Und falls Bewertungen auftreten, können diese in einem safer space reflektiert werden – wie beispielsweise die eigene Überraschung einer Teilnehmer*in darüber, dass sie sich 3D-Drucken aneignen kann.
4. MINTA*-Schutzräume ohne männliche Gewalt sind erholend
Vor allem im öffentlichen Raum in Deutschland werden MINTA*/FLINTA* noch immer übergriffig behandelt oder ausgeschlossen – sei es durch ungewollte Kontaktaufnahme, beleidigende Sprache, dominantes Redeverhalten / Mansplaining, Manspreading in öffentlichen Verkehrsmitteln, unangenehme Blicke und (die Gefahr von) sexualisierten und anderen Übergriffen. Diese Diskriminierungen aufgrund von Gender fallen cis-Jungs und -Männern in der Regel nicht auf, da sie das Privileg besitzen davon deutlich seltener betroffen zu sein (Kritische Männlichkeit Blog 2020). Nicht alle MINTA* brauchen oder suchen aktiv nach Schutzräumen, aber diese Orte können entlastend und erholend wirken und sind daher ein Zugewinn für den Alltag von MINTA*.
5. MINTA* brauchen Schutzräume, in denen sie über Machtstrukturen reflektieren KÖNNEN
Auch wenn Medien- und Technikangebote oft apolitisch erscheinen und nichts mit Gender zu tun haben müssen, können sie geschützte Räume für die Thematisierung von Machtstrukturen darstellen. Wie das genau aussehen kann, ist Stoff für einen weiteren Blogbeitrag, jedoch ist die Herstellung einer fehlerfreundlichen Atmosphäre und das Einladen von Emotionen wie Unsicherheiten, Empörungen und Wut essentiell, um Orte der Reflexion zu schaffen. Inhaltlich können Vorbilder jenseits traditioneller Geschlechterrollen mit unterschiedlichen Zugängen zu Technik sichtbar gemacht werden oder Diskussionen über gesellschaftliche Machtverhältnisse in der Tech-Branche wie Geschlechterstereotypen, Zugangsbarrieren zu Technik und die Kommerzialisierung von privaten Daten angeleitet werden. Und genau dieses Besprechen und Teilen von Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht geht oft leichter mit Menschen, die ähnlich positioniert sind. Von daher: MINTA*-Räume ohne cis-Jungs.
Wir schließen cis-Jungs aus, aber…
…selbstverständlich sind MINTA*-Angebote nicht die Lösung aller Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht. Beispielsweise braucht es auch für cis-Jungs Räume ohne Männlichkeitsanforderungen, mit mehr Emotionen und Zeit, um über Machtstrukturen zu reflektieren und feministischer werden zu können. Glücklicherweise gibt es dazu Projekte an anderer Stelle <3
Schaut gerne bei unserem Projekt Jugend hackt 2 Go vorbei. In diesem Rahmen schaffen wir Medien- und Technikbildung für MINTA* im ländlichen Raum und erforschen die Gelingensbedingung solcher Angebote.
Beitragsbild: CC BY 4.0 Karolina Kaczmarczyk (Jugend hackt)